Was zum Teufel ist denn da bitte aktuell bei Boeing los?

Was für ein Desaster! Es hat zwei kurz aufeinander folgende Abstürze im Jahr 2018/2019 gebraucht, bis Boeing, auch dank einem fast weltweiten Grounding seiner B737-Max8 endlich gezuckt hat. Und als wir alle dachten, das wird sich binnen Wochen lösen, hört man von Qualitätsmängeln in der Produktion des Dreamliners, der B787. Und als man auch das verdaut hat, heißt es plötzlich: Boeing hätte schon seit 2017 über die Fehler der Max8 Bescheid gewusst, aber nach interner Untersuchung mit dem Ergebnis, dass die keine Beeinträchtigung der Flugsicherheit darstellt, keine weiteren Schritte eingeleitet… was bitte ist denn da aktuell bei Boeing los?!?

Die Boeing 737 MAX-7 / Quelle: Boeing.com

Die Boeing 737 MAX-7 / Quelle: Boeing.com

Ich muss es ja nicht nochmal im Detail breit treten, ihr erinnert Euch alle noch an die zwei Unfälle: eine Tiger Air stürzte am 29.10.2018 kurz nach dem Start vor der Küste Indonesiens ab und tötete dabei 189 Passagiere. Wie wir mittlerweile wissen, war auch der Hinflug am Vortrag nach Jakarta mit Problem behaftet, was durch Zufall durch einen dritten Piloten im Cockpit „behoben“ werden konnte. Das die Crew am nächsten Tag leider nicht dieses Glück hatte, wissen wir mittlerweile auch…

Erste Untersuchungsergebnisse ergaben, dass der Flug nach dem Start mit ungewöhnlichen Höhenänderungen flog. Diese Erkenntnisse trafen auch auf den Flug ET302 (Ethiopian Air) am 10.03.2019 zu, der 157 Menschen das Leben kostete.

Es folgte ein Drama, dass in der Luftfahrt seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr gesehen wurde: nach viel Diskussion in diversen Ländern wurde in den ersten Regionen „Groundings“, also Start- und Lande- sowie auch Überflugverbote für Modelle des Typs Boeing B737 Max-8 erlassen. Auch, wenn nicht unter den ersten, erließ die FAA, die amerikanische Flugsicherungsbehörde, ein Grounding aller 737Max8s.

Dann wurde es noch unschöner: es kam auf, dass, wie bereits vermutet, das neue System MCAS, Maneuvering Characteristics Augmentation System, daran Mit-Schuld haben könnte. Dann kam heraus, dass die FAA, auch für die Zulassung neuer Maschinen in den USA zuständig, teilweise Prüf- und Testberichte von Boeing unkommentiert übernommen und quasi intern ungeprüft zur Zulassung verwendet hatte. In der weiteren Aufbereitung kam noch heraus, dass die Anzeige für den Angle of Attack, der quasi die „Werte“ des MCAS als Grafik im Cockpit ausgibt, bei den erstem Maschinen Aufpreis-pflichtig angeboten wurde.

Parallel arbeitete Boeing unter Hochdruck an einem Softwareupdate. Die Max 8 schien bald wieder in der Luft zu sein.

Und dann? Dann steht ein ehemaliger Mitarbeiter des Boeing Werks North Charleston, South Carolina, auf und weißt auf jahrelange Qualitätsmängel in der 787-Produktion hin. Es werde Schnelligkeit über Gründlichkeit gestellt, sagt der Mitarbeiter. Ein Mitarbeiter, der in der Qualitätssicherung gearbeitet hat. Sowie duzende seiner Kollegen. Seitens der Werksleitung wurde Druck auf diese Mitarbeiter ausgeübt, „die Klappe zu halten“. Aber die Mängel scheinen gravierend zu sein: Späne aus Metal und große Metalsplitter seinen wohl in der Isolationsschicht zwischen Hülle und Innenraum nicht beseitigt worden. Hier besteht das Risiko, dass sich diese bewegen und z.B. Kabel und Leitungen beschädigen. Auch wurden wohl größere Gegenstände „eingemauert“: die Rede war in einigen Fällen von Leitern und Montagewerkzeug, Dreck und Müll scheint wohl jeder Dreamliner im Rumpf zu haben. Und das, wo in der Luftfahrt jedes Gramm zählt…!

Und, als könnte es nicht schlimmer kommen, musste Boeing dann bekannt geben, dass der Dreamliner ein weiteres Problem hat: laut einer Direktive der FAA aus Februar 2019 kann in allen Serien, also die 787-8, 787-9 und -10, ein Hebel klemmen, der das Löschsystem für die Triebwerke auslöst. Das bedeutet: bei einem Triebwerkbrand „zieht“ der Pilot diesen Hebel um die Löschung des Triebwerkes mit Halon zu starten. Laut der FAA besteht allerdings das Risiko, dass diese Fehlfunktion bei dem Plastikhebel keine Löschung auslöst. Dies würde zu einem brennenden Vorflügel führen und könnte damit eine schlimme Katastrophe auslösen.

Boeing kommentierte dies als „altes Problem“, welches laut internen Untersuchungen nur bei einer kleiner Zahl von Dreamliners auftritt. Trotzdem sieht sich Boeing vor dem dritten Quartal dieses Jahres nicht in der Lage, eine Lösung für den klemmenden Hebel zu finden…

An sich Krise genug: das Zugpferd ist seit Wochen weltweit auf dem Boden, erste Airlines kommen in finanzielle Schwierigkeiten deshalb. Eventuell wird, je nachdem wie lange das Grounding noch dauert, die eine oder andere Billig-Airline aufgeben müssen. Der Ersatz für die eingestellte Boeing 747-8-Linie ist angeschlagen. Wie viel schlimmer kann es also noch kommen?

Ja, unfassbar – es geht noch schlimmer!

Im Mai 2017 fand Boeing heraus, dass ein Warnsystem im Cockpit der Max8 nicht richtig funktioniert. Und das Ergebnis der internen Untersuchung habe ich oben schon zitiert: keine Beeinträchtigung der Flugsicherheit. Das hat sich mittlerweile als radikale Fehleinschätzung entpuppt.

Sowohl die oberste Führungsriege als auch die FAA wurden über die Erkenntnis und das Ergebnis der Boeing-Untersuchung nicht informiert – dies geschah erst rund eine Woche nach dem ersten Absturz im Oktober letzten Jahres.

Führen wir es zusammen:
Die beiden Unfälle haben 346 Menschen getötet. Erste Untersuchungen verweisen auf das neue System MCAS. Und der interne Untersuchungsbericht sieht als Schuldigen einen Zusammenhang mit dem neuen System MCAS.

Aktuell ist noch unklar, ob und wie weit MCAS für die beiden Abstürze eine entscheidende Rolle spielte oder nicht. Allerdings lassen bisherige Ergebnisse und die scheibchenweise ans Tageslicht kommenden Informationen kein wirklich gutes Licht auf Boeing scheinen…

Ihr dürft jetzt alles tun, nur mich nicht fragen, ob man bei Boeing noch einsteigen möchte: die bisherigen Vorwürfe lassen den Dreamliner eher als tickende Zeitbombe erscheinen, die Max ist gegroundet – und die restlichen Modelle haben eine äußerst positive Bilanz. Entscheidet das also für Euch selbst, ich will und werde hierzu keinen Ratschlag geben! Blue Skies and Happy Landings!

 

 

 


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Über aviationsteve

Steve ist glücklicher Inhaber eines Diploms (FH) für Betriebswirtschaftslehre sowie einer europäischen Pilotenlizenz und hat breite Branchenerfahrung in den Bereichen Aviation, Vertrieb, Marketing, Kommunikation, Pressearbeit und Social Media. Er schreibt in diesem Blog, den er ebenfalls als PodCast spricht und veröffentlicht, über Technik, Sicherheit, aktuelle Themen und Buzzwords. Einen Schwerpunkt, den er mehr und mehr ausbaut, obwohl der dieses Thema niemals beruflich machen würde, sind Human Relations Themen.

Veröffentlicht am 16. Mai 2019 in Fliegen, Tagtägliches und mit , , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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